Provenienzforschung macht die Wege eines historischen Tora-Vorhangs sichtbar

Zahlreiche Spuren jüdischen Lebens in Bayerisch-Schwaben wurden im Zuge der Pogromnacht 1938 ausgelöscht. Denn nicht nur viele Synagogen wurden in Bayerisch-Schwaben zerstört, sondern auch unzählige Ritualobjekte, die in den Gotteshäusern vorhanden waren. Eines der wenigen Objekte, das die Novemberpogrome überdauert hat, ist ein Tora-Vorhang aus Altenstadt a. d. Iller. Heute ist er Teil der Sammlung des Jüdischen Museum Augsburg Schwaben. Seine Geschichte, die über 120 Jahre zurückreicht, konnte im Rahmen eines Forschungsprojekts rekonstruiert und das wertvolle Textil in diesem Jahr restauratorisch gesichert werden.

Die Provenienzforschung untersucht die Herkunft von Kulturgütern und ihren Weg in Museen. Die Provenienzfoschung ist für unser Museum besonders wichtig, da jedes dieser Objekte von dem einst blühenden jüdischen Leben erzählt, das 1938 gewaltsam ausgelöscht werden sollte. Indem die Geschichten dieser Objekte erforscht und bewahrt werden, geben wir ihnen wieder einen Platz im kollektiven Gedächtnis.

Im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben erforscht der Historiker Christian Porzelt derzeit systematisch die historischen Textilien. Im Rahmen des vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern geförderten Projekts untersuchte er unter anderem einen Tora-Vorhang, dessen Herkunftsort ebenso unbekannt war wie der Weg, auf dem das Objekt in das Jüdische Museum gelangte.

Rot-brauner Vorhang, darauf in Goldstickerei Verzierungen zum Beispiel oben einen siebenarmigen Leuchter, mittig gestickte Inschriften in Deutsch und Hebräisch.

Tora-Vorhänge (Parochet) sind Textilien, die den Schrein (Aron haKodesch) verdecken, in dem die Tora-Rollen in der Synagoge aufbewahrt werden. Oft kunstvoll bestickt, tragen sie zugleich zur ästhetischen Gestaltung des Synagogenraums bei. Wie aus einer gestickten goldenen Inschrift auf braun-rotem Samt hervorgeht, wurde dieser reich gestaltete Parochet um 1900 von Eugen Billigheimer zum Andenken an seine verstorbene Ehefrau Regina Billigheimer, geb. Hirsch, gestiftet. Durch die Inschrift ließ sich jedoch nicht nachvollziehen, wo der Tora-Vorhang ursprünglich in Gebrauch war und wie er in die Museumssammlung gelangte. 

Christian Porzelt besuchte Archive, sichtete historische Fotografien und wälzte Aktenordner, bis er das Rätsel um die Herkunft des Tora-Vorhangs schließlich lösen konnte. Den entscheidenden Hinweis lieferte schließlich ein Brief. Im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg (IKG Schwaben-Augsburg) fand sich ein Schreiben eines aus Altenstadt stammenden Juden aus dem Jahr 1965. Der Mann, der in den 1930er Jahren aus Deutschland fliehen konnte, fragte darin bei der Augsburger jüdischen Gemeinde an, ob sich dort eventuell noch Ausstattungsstücke aus der Synagoge seines Heimatortes erhalten hätten: „Es wurde mir einmal mitgeteilt, dass vielleicht einige Dinge im Besitze Ihrer werten Gemeinde sein könnten u. a. ein Thoraschrenkvorhang [sic!] von schweren [sic!] braunem Plüsch mit zitronengelben Borden auf den Namen der Familie Billigheimer u. a.“ Dank dieses Hinweises konnte der Tora-Vorhang mit seiner Inschrift eindeutig dem Ehepaar Billigheimer zugeordnet werden, das persönliche Erinnerungen mit der Altenstädter Synagoge verband.

Im Bild sieht man durch ein metallisches Vergrößerungsglas auf einen kleinen Ausschnitt eines kunstvoll gearbeiteten Tora-Vorhangs. Das Sichtfenster des Instruments ist quadratisch und wird von einer Skala mit feinen Strichen und Zahlen eingerahmt. Dahinter erscheint der braun-rote Seidensamt als weiche, leicht schimmernde Fläche. Darauf liegen mehrere dicht gewundene Metallfäden, die in geschwungenen Linien verlaufen. Die Fäden glänzen teils goldfarben, teils dunkel, fast schwarz – ein Hinweis auf die Oxidation des ehemals versilberten Drahtes. Durch die starke Vergrößerung erkennt man sehr deutlich die Struktur der Metallgarnstickerei: Jeder Faden besteht aus winzigen, eng aneinanderliegenden Windungen, die wie kleine Ringe oder Schuppen aufgereiht sind. Die Oberflächen reflektieren das Licht und erzeugen ein feines Spiel aus Gold-, Braun- und dunklen Metalltönen.

Regina Hirsch wurde 1844 in Altenstadt an der Iller geboren. 1868 heiratete sie in der Synagoge ihres Geburtsorts Eugen (Isaak) Billigheimer. Nach der Hochzeit lebte das Paar in Würzburg, wo auch ihre fünf gemeinsamen Kinder zur Welt kamen. Eugen Billigheimer war Kaufmann und gründete 1873 die „Erste Würzburger Möbelfabrik“, die bereits fünf Jahre nach Gründung etwa 100 Arbeiter beschäftigte. 1887 zogen Eugen und Regina Billigheimer nach Frankfurt am Main. Dort starb Regina Billigheimer am 28. Januar 1898. Die Inschrift des Tora-Vorhangs legt nahe, dass dieser kurz nach ihrem Tod durch ihren Ehemann in Auftrag gegeben wurde. Vermutlich stiftete Eugen Billigheimer den Tora-Vorhang für die Synagoge in Altenstadt, da Regina Billigheimer aus Altenstadt kam und das Ehepaar dort geheiratet hatte. Er verstarb zwölf Jahre nach seiner Frau im Jahr 1911 in Frankfurt am Main.

Christian Porzelt fand zudem heraus, dass der Tora-Vorhang am 10. November 1938 zusammen mit weiteren Ritualgegenständen von den Nationalsozialisten in Altenstadt beschlagnahmt wurde. Im Anschluss übergaben die Nationalsozialisten den Tora-Vorhang an das Staatsarchiv in Neuburg an der Donau und wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verwahrt wurde. Dies sicherte das Überdauern des Objekts, denn viele andere jüdische Ritualgegenstände wurden noch während der Novemberpogrome oder im Anschluss zerstört. 

1946 erfolgte die Rückgabe an die ‚Israelitische Kultuszentrale Schwaben‘, die Vorgängerinstitution der heutigen IKG Schwaben-Augsburg. Rekonstruiert werden konnte über historische Fotografien auch, dass der betreffende Tora-Vorhang in der Nachkriegszeit in der Werktagssynagoge der IKG Schwaben-Augsburg genutzt wurde. Ein Foto, das bei der Museumseröffnung 1985 entstand, zeigt den Tora-Vorhang schließlich im Ausstellungsraum des Jüdischen Museums. So konnte die Geschichte des Objekts Schritt für Schritt anhand vieler kleiner Hinweise rekonstruiert werden. 

Auf dem Bild ist ein Teil eines Tora-Vorhangs zu sehen, gefertigt aus dunkelbraunem, weich glänzendem Samt. Darauf liegen goldene Stoffapplikationen, deren Konturen aus gedrehten, metallic schimmernden Kordeln bestehen. Einige dieser Kordeln haben sich gelöst und liegen ungeordnet über den Motiven. Ein weißes Maßband schlängelt sich über den Stoff – ein Hinweis auf die laufenden Restaurierungsarbeiten. Die Szene wirkt ruhig und konzentriert, als würde gerade an der Vorbereitung zur Fixierung der losen Kordeln gearbeitet.
Der Tora-Vorhang hatte einige Schäden: Im Laufe der Zeit hatte sich die Kordelstickerei in den Applikationen an vielen Stellen gelöst.
Rotbrauner Samtstoff und goldgelbe Kordeln, die offenbar nicht mehr angenäht sind. Danaben eine silberne Schere.
Stellenweise waren Borte lose und die Seidenwicklung in einigen Fransenquasten ging verloren.
Hände mit einer Nadel, die goldgelbe Kordeln an einen rotbraunen Samststoff annähen.
Im Rahmen der restauratorischen Maßnahmen wurden die offen liegenden losen Konturkordeln nach der Sortierung mit Stecknadeln fixiert und anschließend nach Vorlage entlang der Motive wieder angenäht.

2025 wurden konservatorische Maßnahmen zur Sicherung des empfindlichen Materials durchgeführt. Der aus braun-rotem Seidensamt und gelbem Seidendamast gefertigte Vorhang zeigte altersbedingte Schäden, insbesondere an den Metallgarnstickereien und Fransen. In sorgfältiger Handarbeit wurden die losen Kordeln und Borten wieder angenäht, um das Textil für die Zukunft zu erhalten.  

November 2025

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