Gesucht: Kennen Sie dieses Objekt?
Haben Sie selbst einen Gegenstand in Ihrem Besitz, bei dem Sie nicht wissen, woher er stammt, wie er zu Ihnen kam oder wer ihn vor Ihnen besaß? Genau vor solchen Fragen stehen wir derzeit im Rahmen des Provenienzforschungsprojekts, das seit 2021 am Jüdischen Museum Augsburg Schwaben durchgeführt wird.
Ziel dieses Projekts ist es, die Herkunft der Sammlungsbestände systematisch zu untersuchen und ihre Geschichte so genau wie möglich zu rekonstruieren. Im Fokus stehen dabei insbesondere Objekte, bei denen der Verdacht besteht, dass es sich um NS-Raubgut handelt, das infolge der Enteignung jüdischer Familien oder Gemeinden sowie durch Flucht, Vertreibung oder andere Zwangsumstände in den Besitz des Museums gelangt sein könnte.
In vielen Fällen gelingt es, die Herkunft eines Objekts zweifelsfrei nachzuvollziehen und seine Besitzgeschichte lückenlos zu dokumentieren. Manchmal jedoch stößt die Forschung an ihre Grenzen. Kriegsbedingte Verluste von Archivalien, zerstörte oder verstreute Unterlagen sowie fehlende Quellen erschweren die Rekonstruktion der Wege, die einzelne Gegenstände genommen haben.
Zum Tag der Provenienzforschung möchten wir Ihnen drei Objekte aus unserer Sammlung vorstellen, die noch große Lücken in ihrer Herkunftsgeschichte offenbaren. Erste Recherchen in Datenbanken und Archiven führten zu wichtigen Spuren, doch entscheidende Hinweise fehlen oder sind im Laufe der Zeit verloren gegangen. Die drei Objekte stehen exemplarisch für die Herausforderungen der Provenienzforschung und verweisen zugleich auf ihre Relevanz auch für jüdische Museen.
Eine Nürnberger Tora-Krone aus dem 18. Jahrhundert
Die Tora-Krone, im hebräischen Keter Tora genannt, wird als Schmuck auf die beiden Stäbe der Tora-Rolle aufgesetzt. Die Krone ist als Bügelkrone gestaltet und mit bunten Glassteinen verziert. Drei verzierte Bügel führen zu einem kugelförmigen Aufsatz, im Inneren hängt ein Glöckchen.
Wie die Meistermarke „GAB“ am unteren Rand belegt, wurde die Tora-Krone von dem Nürnberger Goldschmiedemeister Georg Andreas Brenner (Meister seit 1748, gest. 1771) gefertigt. Durch eine weitere Marke, das sogenannte Beschauzeichen, lässt sich das Objekt in die Zeit zwischen 1760 und 1767 datieren. Ähnlich gestaltete Tora-Kronen entstanden im 18. Jahrhundert auch in anderen Nürnberger Werkstätten.
Ein möglicher Herkunftshinweis der Tora-Krone findet sich in einem Verzeichnis beschlagnahmter Gegenstände, das im Zuge der Novemberpogrome 1938 durch einen Polizeibeamten aus Oettingen in Bayern angefertigt wurde. Unter den erfassten Ritualgegenständen, die aus den jüdischen Gemeinden Oettingen und Hainsfarth stammen, ist auch eine „Krone aus Messing, versilbert und mit Steinen besetzt“ aufgeführt. Eine an die Gestapo Augsburg übermittelte Liste vom 24. März 1939 nennt die Krone erneut und verortet sie in der Gendarmeriestation Oettingen.
Ein bestickter Tora-Vorhang
Dieser weiße Tora-Vorhang aus Leinen entstand vermutlich im 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Er besitzt ein aufgesticktes Muster aus sich abwechselnden Kreisen und Halbmonden sowie eine umlaufende Rahmung aus ineinandergreifenden Kettengliedern. Den unteren Abschluss bildet ein querverlaufendes Muster aus Girlanden und Blumensträußen.
In einem mittig angebrachten Rahmen befindet sich die aufgestickte hebräische Inschrift „Zechor Berit Avraham“ (dt. „Erinnere Dich an den Bund mit Abraham“) sowie zwei Becher und ein Messer. Diese Utensilien werden traditionell bei der Beschneidung jüdischer Jungen (hebr. Brit Mila) verwendet und zeigen wie die Inschrift, dass es sich um einen sogenannten Brit-Mila-Vorhang handelt. Der Vorhang befand sich zuletzt im Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und wurde dem Jüdischen Museum anlässlich der Museumsgründung 1984 übergeben.
Derartige Vorhänge wurden häufig anlässlich der Beschneidung gestiftet und anschließend in der Synagoge vor dem Tora-Schrein aufgehängt. Für zahlreiche Synagogen in Deutschland sind solche Schenkungen belegt. Weitere Exemplare haben sich in der Sammlung des Jüdischen Museums in Prag oder des Israel Museums in Jerusalem erhalten. Offenbar war dieser Brauch auch in Bayerisch-Schwaben verbreitet, denn ein nicht näher beschriebener „Bris-Miloh-Vorhang“ (Beschneidungsvorhang) ist 1936/37 im Besitz der Jüdischen Kultusgemeinde in Oettingen nachweisbar. Ob es sich dabei möglicherweise um den gezeigten Vorhang handelt, war bislang nicht zu ermitteln.
Ein silberner Kiddusch-Becher aus Augsburg
Dieser silberne Becher wurde durch das Museum vor knapp drei Jahrzehnten auf einer Auktion ersteigert. Der Vorbesitzer war ein US-amerikanischer Sammler. Wo dieser den Becher erwarb und von welcher Familie er ursprünglich genutzt wurde, ist nicht bekannt.
Der Becher wurde in den Jahren 1736/1737 in der Werkstatt des Augsburger Silberschmieds Johann Jakob II. Priester (1676–1762) gefertigt. Der nur etwa 12 cm hohe Kelch weist auf jeder seiner acht Seiten eine Bandelwerk-Kartusche auf. Darüber ist als umlaufende hebräische Inschrift ein Zitat aus „Wajikra“, dem dritten Buch der Tora (auch bekannt als Levitikus bzw. 3. Buch Mose) zu lesen: „Und Mose verkündete die Feste des Herrn den Kindern Israels.“
Ein Kiddusch-Becher ist im Judentum ein spezielles Trinkgefäß für Wein, über dem der Segen (Kiddusch) zur Heiligung des Schabbats oder von Feiertagen gesprochen wird. Solche Becher waren vor allem für den häuslichen Gebrauch bestimmt und wurden in vergleichsweise großer Zahl hergestellt. Innerhalb derselben Werkstatt wiederholen sich häufig die Gestaltungsmerkmale, was eine eindeutige Zuordnung erschwert.
Dem Jüdischen Museum Augsburg Schwaben ist es ein Anliegen, die weiterhin offenen Fragen zur Provenienz der Objekte zu klären. An diesem Punkt wenden wir uns an Sie: Vielleicht erkennen Sie die Objekte wieder, erinnern sich an Erzählungen oder besitzen Unterlagen, die uns weiterhelfen könnten. Jede noch so kleine Information kann wertvoll sein, um die offenen Punkte zu klären und die Geschichte der Objekte zurückzuverfolgen.
Wenn Sie Hinweise zur Herkunft der Objekte oder ihren früheren Besitzer*innen haben, freuen wir uns sehr über Ihre Nachricht.